Von wegen niederschwellige Angebote für psychisch Kranke … wenn man eins braucht, geht es in leider gerade nicht.
9. Dezember 2011 von angehoerige
Meine Tochter macht mir wieder Sorgen. Wir Angehörigen, die ihre Kinder in einer Psychose erlebt haben, wissen, wie das ist. Plötzlich wird die Tochter wieder extrem nervös, klagt, dass sie nicht schlafen können und ist schnell aufgeregt und gereizt.
Ich überlege, wie ich ihr helfen kann, damit es diesmal nicht wieder zum Ausbruch einer Psychose kommt, sondern dass frühzeitig Unterstützung gefunden wird. Meine Tochter will nicht in ein Krankenhaus, niemals, keinesfalls. Da kann ich machen, was ich will, wie sie mir unmissverständlich mitteilt. Ich kann sie verstehen, die letzten Krankenhausaufenthalte waren nicht schön: Statt der Ruhe, die ein psychotischer Mensch braucht, herrschte dort Chaos und Lärm. Sie hatte eine Zimmernachbarin, die nachts herumgeisterte und laut Musik hören wollte, die Schwestern waren natürlich überlastet und die Ärzte waren zwar nett, wie sie mir sagte, aber doch eben selten erreichbar. Nein, nie wieder Krankenhaus.
Als Mitglied in einem Angehörigenverband habe ich schon viele Vorträge gehört über so genannte niederschwellige Angebote für Menschen in psychischen Krisen. Es gibt ein Weglaufhaus, in denen Menschen sich erholen können, ohne in den Fängen der Psychiatrie zu landen. Die Institutionen, die psychisch Kranken eine Ruhezone bieten, in der sie von Ärzten, Betroffenen und Angehörigen individuell und vorsichtig nach ihren Bedürfnissen betreut werden. Es gibt Tageskliniken. angeschlossen an psychiatrische Kliniken, in denen tagsüber Menschen mit psychischen Einschränkungen Halt, Beschäftigung und Therapie geboten wird, ohne dass sie ganz den Kontakt zu ihrem gewohnten Umfeld verlieren müssen. Gerade bei uns um die Ecke ist eine Klinik, die von Angehörigen gelobt wird, die über eine gute Tagesklinik und eine Institutsambulanz verfügen soll. Der Arzt meiner Tochter empfiehlt immer ein frühzeitiges Eingreifen, damit der Ausbruch verhindert werden kann.
Ich erzähle meiner Tochter von all diesen Möglichkeiten und sie ist interessiert – zum ersten Mal übrigens. Ja, ich habe ihr ok, ich darf dort anrufen und mich erkundigen und dann ist sie bereit, mit mir dort einmal hinzugehen. Ich bin erleichtert, denn das ist ein Durchbruch. Normalerweise weist sie alle meine Versuche ihr zu helfen, energisch von sich.
Ich durchforste das Internet. In dem einen Ort kann man ab 09:00 anrufen. Ich warte höflich und rufe um 09:15 an. Keine Reaktion. Ich lasse lange klingeln, aber auch nach 10 Minuten hebt niemand ab und es wird auch nicht angeboten, auf einen Anrufbeantworter zu sprechen. Nun gut, denke ich, rufe ich später noch einmal an. In der Zwischenzeit versuche ich mein Glück im Internet beim Weglaufhaus. Ich lese alles sorgfältig durch und finde, dass das Konzept sehr gut klingt. Das könnte meine Tochter überzeugen. Inzwischen ist es 09:35. Ich rufe an und lasse lange klingeln, aber habe wieder keinen Erfolg. Es steht allerdings auch nicht auf der Webseite, wann man dort anrufen kann. Es war sicher die falsche Zeit. Oder überhaupt die falsche Herangehensweise. Niemand geht ans Telefon, kein Anrufbeantworter.
Ich wechsele jetzt wieder zu dem Ruheort, inzwischen ist es 10:00, da werden sie doch wohl aufgestanden sein. Ich habe ja Verständnis, schließlich ist es ein selbstorganisiertes Projekt, da hält man sich nicht so strikt an vorgegebene Zeiten. Leider wieder kein Erfolg. Bis 11:00 versuche ich beide Institutionen abwechselnd anzurufen. Ohne Erfolg.
Ich bin ein bisschen frustriert. Heißt niederschwellig nicht, dass man einfach und unkompliziert an etwas kommt? Wie ist es denn, wenn ein aufgeregter Mensch anruft, der sich gerade in einer Krise oder kurz davor befindet und keine Antwort bekommt? Ich glaube, so ein Mensch wäre noch frustrierter und vor allem entmutigter als ich.
Aber es gibt ja noch die Tagesklinik bei dieser gelobten Klinik ganz um die Ecke. Das wäre doch auch noch ziemlich niederschwellig. Ich rufe an. Es antwortet jemand! Ich bin erleichtert, wenigstens ein Erfolgserlebnis heute morgen. Ich möchte mit der Tagesklinik verbunden werden.
„Wen wollen Sie denn da sprechen?“
„Ja, also, ich wollte einfach wissen, ob es für meine Tochter möglich sei, dort einen Platz kurzfristig zu bekommen. Sie wohnt auch im passenden Bezirk,“ füge ich eilig hinzu. Soviel weiß ich schon, dass man im passenden Bezirk wohnen muss, um Zugang zu einer bestimmten Klinik zu haben.
„Ist sie denn Patientin bei uns?“ werde ich gefragt.
„Nein, deswegen rufe ich doch an, sie will nicht ins Krankenhaus und da habe ich gedacht, dass vielleicht eine Tagesklinik ihr weniger Angst machen würde…“
„Wenn sie nicht in unserer Klinik war, dann kann sie auch nicht in die Tagesklinik,“ sagt der Herr streng. „In die Tagesklinik kommt man nur nach einem Krankenhausaufenthalt.“
Ich bin verwirrt. Wäre es denn nicht für manche Erkrankte niederschwelliger, also weniger Angst besetzt, wenn sie tagsüber betreut wären, aber nachts in ihre vertraute Umgebung könnten? Aber was ich mir so gedacht habe, spielt keine Rolle. Ich versuche noch ein letztes Mal, mehr Informationen zu bekommen.
„Sie haben doch auch ein Institutsambulanz, könnte meine Tochter dort einmal hinkommen und mit einem Arzt sprechen?“
„Nein, Ihre Tochter ist doch gar keine Patientin bei uns, dann kann sie auch nicht in die Institutsambulanz kommen. Die ist nur für ehemalige Patienten.“ Der Herr klingt inzwischen genervt, ich bedanke mich und hänge auf.
Bedeutet das, dass meine Tochter, die jetzt in XXX wohnt, in keine Institutsambulanz einer Klinik in diesem Bezirk kommen darf, weil sie vorher noch nicht stationär aufgenommen war? Aber sie hat doch vorher in einem anderen Bezirk gewohnt und dort kann sie jetzt auch nicht mehr in die Institutsambulanz, weil sie jetzt dort nicht mehr wohnt. Erst wieder eine Krise und ein Krankenhausaufenthalt, damit ihr die niederschwelligeren Angebote offen stehen? Das klingt nicht niederschwellig, sondern sehr kompliziert.
Meine wiederholten Telefonate in dem Ruheort und dem Weglaufhaus verlaufen wieder erfolglos. Ich entschließe mich zu einem Schritt, der mir ein bisschen peinlich ist, aber wenn es um meine Tochter geht… Ich rufe eine Angehörige an, dass wesentlich am Aufbau dieses Ruheortes mitgewirkt hat und deren Vorträge auf vielen Tagungen mich immer überzeugt haben. Sie ist sehr freundlich und wundert sich auch, dass niemand dort ans Telefon geht. Aber dann kommt das Wesentliche.
„In welcher Krankenkasse ist ihre Tochter denn?“ fragt sie.
„In der DAK.“
„Ja, dann kann sie leider ohnehin nicht zu uns, wir haben nur einen Vertrag mit der TK.“
Mir fehlen die Worte. Niederschwellig? Muss ich noch erwähnen, dass meine Mails an den Ruheort und an das Weglaufhaus auch nicht beantwortet wurden?
Aber so schnell lasse ich mich nicht entmutigen. Es gibt ja noch die PlaXX, da gibt es auch gute Angebote, die meiner Tochter vielleicht helfen können. Und sie kennt die PlaXX schon. Ich kann sie überreden, mit mir dorthin zu gehen. Und tatsächlich, Herr G., der Leiter dieses Bereichs, ist sofort für uns zu sprechen. Es gelingt ihm, freundlich und deeskalierend mit meiner aufgeregten Tochter zu reden, die natürlich erst einmal lautstark ihren Frust über ihre furchtbare Mutter, Krankenhäuser, ihre Betreuerin und eine Soziotherapeutin loswerden muss, die ganz offensichtlich eine Kollegin von Herrn G. ist. Er lässt sich nicht irritieren, sondern erklärt ihr gelassen und zugewandt mehrere Möglichkeiten und den Weg dorthin. Als er schließlich noch darauf hinweist, dass es jetzt in der Platane dreimal die Woche eine Cantina, also einen billigen Mittagstisch für € 2,- gibt, ist das Eis gebrochen. Meine Tochter entschuldigt sich für ihre aufgeregten Auslassungen über die Kollegin, die doch eigentlich ganz nett gewesen sei…
„Wissen Sie, das ist so, wenn man manisch ist, dann redet man sehr viel und auch nicht immer nett…“, erklärt sie Herrn G. „Eigentlich hat mir die Soziotherapie damals doch geholfen.“
Ich traue meine Ohren nicht. Sie verabreden, dass meine Tochter zu ihrem Arzt geht und anschließend umgehend diese Leistung der Platane in Anspruch nehmen kann. „Nein,“ sagt Herr G. auf meine Nachfrage, „das ist keine Leistung, die wochenlang in bezirklichen Fallkonferenzen beschlossen werden muss. Wenn Sie heute hingeht, dann kann das am Freitag beginnen.“ Heute ist Mittwoch.
„Der war eigentlich ganz nett,“ meint meine Tochter beim Hinausgehen. Und das ist etwas, was sie selten über einen Angehörigen des sozialpsychiatrischen Versorgungssystems Berlin sagt. Herr G. ist mein Held. So kann also ein niederschwelliges Angebot in Berlin auch aussehen.
Nun muss meine Tochter nur noch zum Arzt gehen und die entsprechende Verordnung holen. Ich erkundige mich bei ihrem Arzt, sie hat keinen Termin, aber kann kurzfristig vorbeikommen. Mit Wartezeit. Das ist ok. Um die Zeit zu überbrücken und vor allem, um meine Tochter motiviert (compliant) zu halten, lade ich sie zu Capuccino und Wurstbrötchen ein. Das gefällt ihr. Nach anderthalb Stunden Capuccino fallen mir die Augen zu. Da meine Tochter zugesagt hat, zu Dr. X. zu gehen, vertraue ich ihr (das sollen wir doch, oder?) und verabschiede mich und lasse mir versprechen, dass sie bestimmt zu Dr. X. geht.
Gut, ich weiß, das war ein Fehler, aber da ich auf die 70 zugehe, bin ich eben manchmal nachmittags sehr müde. Aber ich hätte es wissen sollen, das mit dem Vertrauen ist so eine Sache. Um es kurz zu machen, sie war natürlich nicht bei Dr. X.
„Ich war dann plötzlich wie auf den Kopf geschlagen und musste mich hinlegen, Mama. Das gang einfach nicht anders.“ Natürlich, ich verstehe das. Wieder etwas gelernt.
Aber ich lasse nicht locker, mache in der kommenden Woche wieder einen Termin bei Dr. X. aus. Dr. X. selbst ist zwar nicht da, aber ein Kollege, der, wie mir meine Tochter erklärt, sowieso viel netter ist. Wen meine Tochter wann nett findet, ist ein weites und ständig wechselndes Feld, aber im Moment passt es. Ich packe meine Tochter ins Auto, ködere sie wieder mit einem Capuccino – diesmal nach dem Arztbesuch – und wir fahren in die Praxis X. Das Ködern ist notwendig, weil ihre Motivation schon wieder erheblich gesunken, ihre Nervosität und Gereiztheit aber erheblich gestiegen sind. In der Praxis muss jedem Menschen, der schon einmal mit psychisch Kranken zu tun hatte, sofort auffallen, dass meine Tochter sich in einem sehr labilen Zustand befindet. Sie verheddert sich mit Worten, als sie der Sprechstundenhilfe erklären will, warum sie jetzt eine andere Krankenkassenkarte hat, findet nichts in ihrer randvoll beladenen Tasche und kippt schließlich den gesamten Inhalt vor und hinter den Empfangstresen. Was natürlich ihre Nervosität noch erheblich steigert. Sie entschuldigt sich, wird immer nervöser… Sie kennen das. Sie tut mir leid, ich helfe so diskret wie möglich, denke aber, dass es doch ganz gut ist, wenn der Arzt mitbekommt, dass es ihr nicht gut geht und dass er schnell etwas tun sollte.
Nach kurzer Zeit kommt sie aus dem Arztzimmer, der in der Tat freundliche Dr. Z. verabschiedet sich von ihr und sagt der Sprechstundenhilfe, dass sie einen neuen Termin mit Dr. X. machen soll.
Auf dem Weg aus der Praxis zum Café frage ich vorsichtig, ob sie denn von Dr. Z. die Verordnung für die Dienstleistung der PlaXX bekommen habe. Meine Tochter erklärt mir, dass Dr. Z. gesagt habe, dass er das nicht tun könne, weil ja Dr. X. ihr behandelnder Arzt sei. Sie müsse in 14 Tagen einen neuen Termin machen und dann solle sie das mit Dr. X. besprechen. In 14 Tagen!!! Weiß irgendjemand wie dann die Motivation oder „Compliance“ meiner Tochter aussieht? Ich bin entnervt.
Niederschwellig? Wenn mir jemand auf einer Tagung in Berlin noch einmal etwas von einem niederschwelligen Angebot berichtet oder Ärzte über die Wichtigkeit einer frühzeitigen, präventiven Intervention erzählen, werde ich den Raum verlassen. Diese Referate und Lippenbekenntnisse brauche ich nicht und meine Tochter auch nicht mehr.
Was ist in Berlin noch niederschwellig außer dem netten Herrn G.? Ganz einfach, lassen Sie ihre beste Freundin oder die Nachbarin ihres Kindes bei der Polizei anrufen und sich über die Tochter beschweren. Die Freundin habe große Angst vor ihrer Tochter, weil sie so aggressiv sei. Wenn sie es nur dramatisch genug macht, kommt die Polizei sofort und verfrachtet die Tochter ins Krankenhaus. Ganz unkompliziert und niederschwellig. Ohne Anmeldung und Zuständigkeiten oder Verordnung. Mit oder ohne Handschellen. Das klappt sofort. Wobei ich hier gute und weniger gute Erfahrungen gemacht habe. Ein Polizist und seine Kollegin haben freundlich mit meiner Tochter geredet und sogar das eigene Päckchen Zigaretten geopfert, bis sie dann friedlich mit den Polizisten ins Krankenhaus ging. Leider habe ich mir den Namen in der Aufregung nicht gemerkt. Diese beiden Polizisten sind auch meine Helden, ich würde ihnen gerne persönlich ein großes Lob aussprechen können. Das nächste Polizistenpärchen hat nicht viel Zeit verplempert, sondern beherzt zugegriffen und Handschellen zuschnappen lassen.
Wollen wir das für unsere Kinder?