Feeds:
 Artikel
 Kommentare
 

Ich war selbst erstaunt, aber ich habe ein schönes Weihnachtsfest mit meiner Tochter und anderen Familienmitgliedern verbracht. Noch vor 2 Wochen hätte ich nicht gedacht, dass es möglich ist. Aber der Krankenhausaufenthalt hat ihr gut getan. Sie nimmt wieder Tabletten und ist von einem Tag zum anderen ein neuer Mensch. Das freut mich, aber gleichzeitig wird mir auch die Wirkung der Tabletten fast unheimlich. Sie wirken - aber wie kann eine Tablette einen Menschen so ungeheuer verändern? Ich freue mich für sie, aber ich freue mich für mich selbst. Es ist wieder meine Judith, die mir so lange gefehlt hat. Sie macht Pläne - keine überzogenen, manischen, sondern kleine realistische Schritte - wobei immer noch ein wenig Ängstlichkeit und Selbstzweifel hinzu kommt. Lass mir Zeit, Mama, sagt sie. Ich kann nicht alles auf einmal machen.

Und sie hat Recht. Vielleicht erwarten wir Eltern auch manchmal einfach zu viel? Und achten nicht darauf, wie viel so ein - manchmal - kranker Mensch bereits tut. Und wie schwer es ihm oder ihr manchmal fällt - auch mit Tabletten.

Aber wie bei allen erfahrenen (alten) Angehörigen regt sich in mir bereits eine kleine Angst: Wird sie die Tabletten weiter nehmen? Tut sie jetzt nur alles, damit sie aus dem Krankenhaus entlassen wird? Sie ist klug, sie weiß, dass sie “kooperativ” sein muss, damit sie entlassen wird. Ich hoffe, dass sie selbst sieht, wie gut es ihr im Moment geht, aber auch, dass sie auch nach dem Krankenhaus noch Hilfe braucht. Aber sie muss sich das selbst organisieren.

Und das ist so schwer für uns alle. Aus den Kommentaren, die mich sehr berühren und für die ich dankbar bin, lese ich, wie schwer es uns damit geht, oft nur zuschauen zu können, wie ein kranker Mensch weiter und weiter in die Krankheit abgleitet. Das ist auch das Problem in unserer Beziehung zu den Ärzten oder dem gesamten sozialpsychiatrischen Umelf: Sie sehen unsere Kinder nur ab und zu. Sie helfen dann, wenn sie können, sie tun etwas. Wir aber sehen oder hören unsere Kinder oft fast täglich, wir sind im nicht-funktionierenden Alltag mit ihnen konfrontiert. Wir machen uns Sorgen, wenn wir nichts von ihnen hören, wir machen uns Sorgen oder werden wütend, wenn sie uns mit permanenten Anrufen und Forderungen überhäufen. Und dann verschieben wir unsere Wut auf Ärzte, die aus unserer Sicht nicht genug tun.

Ich habe lange auch so gedacht, aber manchmal frage ich mich, was sie denn tun sollten? Sie können nur in bestimmten Situationen eingreifen. Sie können uns nicht trösten, da sind sie nicht da. Sie können unsere Kinder nicht zwingen, zu ihnen zu gehen. Ich denke so viel darüber nach, wie wir Angehörige lernen können, mit dieser Situation besser umzugehen. Bis jetzt habe ich wenig Angebote gesehen, die diesen Aspekt berücksichtigen.

Ein Kommentar hat mich besonders berührt. Eine Angehörige schreibt, dass sie aus einer Familie mit vielen psychischen Krankheiten kommt und sie selbst fast dazu verdammt ist, “gesund” zu sein. Und das sie das manchmal als Fluch empfunden hat. Liebe Angehörige, dasselbe habe ich auch oft gedacht, weil ich aus einer ähnlichen Familie komme. Wenn alles zu schlimm war, dann habe ich mich gefragt, warum kannst Du nicht einfach krank werden und andere für Dich entscheiden lassen und Dich nicht kümmern müssen? Ich weiß, dass den Kranken gar nicht gut geht und dass sie gerne mit mir tauschen würden. Aber manchmal ist es wirklich eine Last “gesund” zu sein und sich um alles kümmern zu müssen.

Ich wünsche euch trotz allem noch schöne Festtage und glaube fest daran, dass das Neue Jahr ein gutes Neues Jahr wird. Auf jeden Fall werde ich alles dafür tun,d ass es das wird.

Kommentar abgeben