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Judith musste wieder ins Krankenhaus. Ich bin froh darüber, weil ich weiß, dass es nicht anders ging. Ich bin traurig, weil es ihr so schlecht geht. Seit Monaten schon ging es ihr schlecht, es war schlimm für sie und unerträglich für mich. Zum ersten Mal seit Jahren hat sie den Kontakt zu mir weitgehend abgebrochen. Bei den wenigen Malen, bei denen sie mich anrief, habe ich oft aufgelegt, weil sie mich unerträglich beschimpfte und anbrüllte. Oder weil sie mit den unflätigsten Begriffen andere Menschen, vor allem ihren Betreuer beschimpfte. Ich weiß, dass es ihre Krankheit ist, trotzdem ist es ganz schwierig, damit umzugehen. Es ist schlimm, wenn die eigene Tochter mich anschreit „Verpiss Dich“ oder wütend schreit, dass sie gerne eine Mutter gehabt hätte, die sie einmal im Leben unterstützt. Seit vielen Jahren tue ich nichts anderes, mein Leben dreht sich um Judith. Mein Handy war die ersten Jahre 24 Stunden am Tag angeschaltet, weil sie ja anrufen könnte. Ich nahm nachts um drei das Telefon ab, weil sie mich anrief, nur um mir zu sagen, dass sie mal meine Stimme hören wolle. Ich unterbrach jede Tätigkeit, beendete Gespräche mit Klienten oder das Schreiben, weil sie mich tränenerstickt anrief und mir mitteilen musste, was sie bedrückt.

Aber das ist nicht genug. Ich weiß das. Es kann nicht genug sein, weil die Krankheit in ihr so viel Kummer und Angst hervorruft, dass nichts jemals genug sein kann, damit sie sich besser fühlt. Auf jeden Fall nichts, was ich tun kann.

Seit Monaten sehe ich, wie es schlimmer mit ihr wird. Sie ist extrem nervös, sie sagt mir, dass sie nicht schlafen kann, sie kann nicht mehr zur Arbeit gehen, ist krank geschrieben. Es ist ein gutes Zeichen, dass sie selbst dafür sorgt, dass sie sich krankschreiben lässt und dafür sorgt, dass die Krankschreibung an ihren Arbeitgeber gelangt. Es ist so wichtig, dass der Arbeitsplatz erhalten bleibt, weil er so identitätsstiftend für sie ist. Sie kann arbeiten, sie schafft es, während doch so viele andere Kranke das nicht schaffen. Und viele Gesunde ja auch nicht. Sie hat fast achtzehn Monate gearbeitet, war erfolgreich, schaffte die meisten Fälle, war die Schnellste – man hat ihr sogar einen festen Arbeitvertrag angeboten. Und dann kommt wieder die Krankheit. Es ist so grausam für sie.

Aber nicht nur Nervosität und verbale Aggressivität macht ihre Krankheit so schlimm – für sie selbst und für mich, sondern auch die Geldausgaben, die damit verbunden sind. Nachdem sie ihr Konto permanent überzog, die Miete nicht mehr gezahlt werden konnte, Handyrechnungen über € 300 oder € 400 lagen, habe ich eine finanzielle Betreuung für sie beantragt, so dass sie jetzt einen Betreuer hat, der ihr Geld verwaltet und auch Verträge auflösen kann, die sie abgeschlossen hat. Natürlich nimmt sie mir das ewig übel, sie beschimpft mich, weil ich sie entmündigt habe. Ich muss das herunterschlucken, weil es die Krankheit ist, ich darf ihr nicht böse sein. Ich will ihr auch nicht böse sein. Und trotzdem ist es wichtig, dass sie sich durch die manischen Geldausgaben nicht für ewig das Leben verbaut. Auch diesmal war es wieder schlimm: Sie hat unendlich viel Geld ausgegeben, es ist erstaunlich, wie klug sie vorgehen kann, damit ihr Banken Konten einrichten oder damit sie Verträge über Laptops oder Handys abschließen kann. Es ist auch verbrecherisch, wie leichtfertig Banken und Handyfirmen und Laptopverkäufer Menschen etwas verkaufen und Verträge mit ihnen abschließen, bei denen ganz offensichtlich ist, dass sie Schwierigkeiten haben.

Wie schützt man sich dagegen, dass ein Mensch, den man über alles liebt, extrem böse und aggressiv ist? Und da Judith ein sehr intelligenter Mensch ist, kann sie wirklich treffen mit dem, was sie mir an den Kopf wirft. Es ist die Krankheit, das sage ich mir jeden Tag. Und dann kann sie wieder liebevoll sein oder sehr traurig und schluchzen und mich um Hilfe bitten. Und wenn ich mit ihr meine Hilfe bespreche, dann ist es nicht die richtige Hilfe. Ich weiß oft gar nicht, was sie will. Möchte sie, dass ich mich ebenso aufrege über ihren Betreuer oder andere Menschen, wie sie es tut? Möchte sie, dass ich mit ihr zusammen schimpfe?

Und wie soll das gehen? Wir Angehörigen sollen die Emotionalität möglichst niedrig halten, um unsere psychisch Kranken zu schützen. Das ist ein Kraftakt. Ruhig bleiben, wenn sie tobt, ruhig bleiben, wenn sie mich beschimpft, ruhig bleiben, wenn sie schluchzt und aufgeregt ist und schauen, dass sie sich beruhigt und ich ihr eine Lösung für ihr Problem anbiete. Aber dann auch wieder emotional liebevoll sein und ihr ausreichend Wärme anbieten. Wie bekommen wir diesen Spagat hin?

Ich bin geübt, meine Mutter hatte auch eine bipolare Erkrankung, endogene manische Depression nannte man das damals. Als kleines Kind habe ich unter dem wechselhaften Verhalten gelitten, habe ertragen, dass sie mir zeigte, wie minderwertig ich war (dick, nicht schön genug, nicht gut genug in der Schule, zu laut). Und das, obwohl sie eine so schöne und beliebte Frau war. Und dann die vielen Tränen, wenn ich sie trösten musste, weil es ihr nicht gut ging oder weil sie mir erzählte, wie bösartig oder wenig liebevoll oder sensibel andere Menschen mit ihr umgingen. Ich weiß erst jetzt, dass ich mir damals einen Schutzschild antrainiert habe. Mich verletzende Äußerungen darf ich nicht an mich heran kommen lassen. Konzentriere Dich auf den Inhalt und versuche, den emotionalen Gehalt auszublenden. Nein, deine Mutter hasst dich nicht, wenn sie dir sagt, dass du nicht so schön bis wie sie selbst. Das stimmt einfach. Sie will dir damit nicht weh tun, sie spricht einfach Fakten aus. Nein, Judith will mich nicht verletzen, wenn sie sagt – ich stehe vor ihr und besuche sie im Krankenhaus -, dass sie seit Jahren versucht, von ihrer doofen Mutter unabhängig zu werden. Man kann das üben.

Aber dann nehmen viele Menschen, auch die Kranken, einem übel, dass man nicht mitschimpft. Ich versuche immer zu verstehen, was sie wollen. Ich schimpfe nicht, weil ich weiß, dass es nichts hilft. Ich schimpfe nicht, weil ich weiß, dass es nie ein Ende nimmt. Ich schimpfe nicht, weil ich weiß, dass auf jedes Wort von mir ein Wort vom Anderen folgt, das ich schon voraussehen kann. Bei Streit oder Aggressivität versuche ich ruhig zu bleiben und zu deeskalieren. Ich hoffe, dass es irgendwann aufhört. Streit bringt nichts. Nicht, wenn man mit psychisch kranken Menschen streitet. Ich habe es versucht, Judiths Vater war auch so. In den Auseinandersetzungen habe ich immer versucht, den rationalen Kern zu finden, damit man sich damit auseinandersetzen kann und vielleicht eine Lösung finden kann. Aber so geht das nicht. Viele Menschen, aber vor allen Menschen mit einer psychischen Erkrankung führen einen in sprachlichen Endlosschleifen immer wieder im Kreise herum, so dass man nach einer Weile verzweifelt nur noch schreien möchte, damit es endlich aufhört. Aber es hört nicht auf. Man fragt sich selbst, ob man verrückt sei. Die einzige Möglichkeit ist es, „aus dem Feld zu gehen“. Den Hörer aufzulegen, das Gespräch zu beenden, den kranken Menschen bitten, zu gehen oder selbst zu gehen. Grenzen setzen.

Und dann geht man und versucht, alles zu vergessen, sich mit Freunde zu treffen und über andere Dinge zu reden, ins Kino zu gehen uns ich zu freuen oder ein schönes Buch zu lesen. Und bei all dem kommt man sich vor wie ein Schwein, weil man versucht, sich zu freuen, wenn es doch dem kranken Angehörigen so schlecht geht.

5 Kommentare zum Bericht “Meine Tochter ist wieder in der Psychiatrie”

  1. Würde mich auch interessieren wie es Judith geht. Schreib doch mal wieder drüber damals schon bin ich durch Zufall auf deine Seite gekommen und fand es sehr interessant und wollte es verfolgen. Nur leider schreibt du nicht mehr :/

  2. E. sagt:

    Wie geht es Ihrer Tochter heute?
    Haben Sie wieder Kontakt?

  3. Kamahari sagt:

    Ich hoffe, Deiner Tochter geht es wieder besser. Schade, dass Du nicht weiter geschrieben hast.
    Auch wenn man weiß, dass die Krankheit den Erkrankten so handeln läßt wie er handelt, fällt es oft sehr schwer damit umzugehen. Ich konnte es nach 2,5 Jahren nicht mehr und trennte mich. Ich denke aber, es ist ein gewaltiger Unterschied ob es “nur” der Partner ist oder das eigene Kind.
    Ich wünsche Dir sehr viel Kraft für die Zukunft.

    LG Kamahari

  4. Cheatpatrol sagt:

    mach doch bitte weiter mit diesem Blog. In dieser Beschreibung Eures Zustands finden ich so viele Paralellen.

    Danke

  5. Petra Busek sagt:

    liebe mutti von judith, wissen sie was ich beim zweiten mal lesen bemerkt habe: so wie sie alles schildern, sind sie permanent überfordert mit dieser situation, sind ausgebrannt und brauchen selbst hilfe. alles klingt so traurig und ist es ja auch, aber auch ungeduldig, will sagen ihnen fehlt die gelassenheit. und die wäre so wichtig für sie aber auch für ihre tochter. psychisch kranke haben besonders feine antennen und ihre tochter bekommt ihre schwingungen übertragen. zwei dinge rate ich: tun sie etwas für sich, damit sie die lage besser ertragen können, täglich. und geben sie nicht auf, ihrer tochter zu einer medikamentösen beahandlung zu raten. ich weiß es ist sehr sehr schwierig, denn die krankheitseinsicht fehlt oft gänzlich.

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