Es geht ihr wieder schlecht
1. März 2009 von angehoerige
Das Telefon klingelt um 8:30. Ich gehe nicht dran, weil ich weiss, wer es ist. Ich möchte vor 10:00 nicht gestört werden, diese Zeit am Morgen brauche ich für mich. Zum Lesen, zum in den Tag hineingleiten, zum Schreiben. Das wissen alle Freunde und Klienten. Wenn das Telefon um diese Zeit klingelt, weiss ich, dass es meine Tochter ist. Mein Herz fängt an zu klopfen, ich laufe zum Telefon und warte darauf, was sie auf den Anrufbeantworter spricht. Sie spricht nicht, sie schreit. Sie beschwert sich darüber, dass sie kein Geld hat, nichts zu Essen hat und vor allem nichts zu Rauchen hat. Sie beschimpft ihre Betreuerin, die ihr da Geld einteilen muss, weil diese nicht zu erreichen ist, sich verleugnen lässt, einfach unverschämt ist. Ihre Stimme wird immer lauter. Ob ich dort nicht anrufen könne. Es sei doch einfach nicht zuzumuten, dass eine 30Jährige kein Geld für Essen und Rauchen habe und die Betreuerin nicht mal die Höflichkeit habe, ihr zu sagen, wann sie ihr Geld bekommen kann. 170 € für einen ganzen Monat, das sei zu wenig. Diese Person sei einfach inkompetent und schlecht.Mein Herz klopft immer stärker, mein Magen krampft sich zusammen. Ich hebe nicht ab und höre zu, wie meine Tochter immer mehr schreit. Schließlich hängt sie ein. Ich sitze neben dem Telefon und merke, wie langsam in mir die Angst hoch steigt. Soll ich etwas tun? Soll ich doch anrufen? Was ist, wenn sie etwas Unvernüftiges tut? Ich weiß, dass sie wirklich kein Geld hat. Aber ich weiß auch, dass sie etwas zu essen hat, weil ich ihr erst gestern Abend drei große Tüten mit Essen zu ihrer Wohnung gebracht habe. Und ich weiß auch, dass sie diesen Monat schon € 400 erhalten hat. Aber ich weiß auch, dass sie wirklich kein Geld hat und verzweifelt ist, weil sie nichts mehr zu rauchen hat. Aber es spielt keine Rolle, ob ich oder die Betreuerin ihr jetzt Geld für Tabak geben - heute Abend oder morgen wird sie wieder anfragen oder ins Telefon schreien, weil sie kein Geld für Tabak hat.Meine Tochter hat eine bipolare Erkrankung. Früher nannte man das manisch-depressiv. Es bedeutet, dass sie in ihren Krankheitsphasen schwankt zwischen depressiven Phasen, in denen es ihr sehr schlecht geht, sie kaum Antrieb hat, totmüde ist, aber dennoch nicht schlafen kann, sich nichts zutraut, traurig ist. Oder manischen Phasen, in denen sie sich für unbesiegbar hält, sich alles zutraut, sehr hektisch ist, überhaupt nicht schlafen kann, getrieben ist, verbal sehr aggressiv werden kann und vor allem extrem viel Geld ausgibt, Verträge für Handys oder Kameras abschließt oder ihren Dispo bei der Bank erhöht, nachdem ich gerade den letzten in Höhe von 1000 Euro zurückgezahlt habe. Und der Dispo in Höhe von 1000 Euro ist fast am gleichen Tag auch wieder ausgegeben. Manchmal kleidet sie sich auch auffällig, hängt sich auffälligen Modeschmuck um und schminkt sich stark. In anderen Phasen vernachlässigt sie sich, hat fettige Haare, lange schwarze Fingernägel und wirkt äußerst nervös. Trotz dieses manischen Hochs geht es ihr zur Zeit aber nicht gut, das merkt man ihr an.
Im Moment geht es ihr wirklich schlecht, es ist keine wirklich depressive und auch keine ausgeprägt manische Phase. Nur wenn es um Geld geht, wird sie sehr aufgeregt und laut. Sie ist sehr empfindlich gegenüber Geräuschen, kann sich nicht lange auf ein Thema konzentrieren und braucht immer wieder eine Pause, in der sie rauchen muss.
Meine Tochter ist nicht immer krank. Sie hatte gerade eine lange Phase hinter sich, in der sie gearbeitet hat, dort erfolgreich war und zusammen mit mir eine lange Reise nach Brasilien gemacht hat. Wir waren sehr vergnügt zusammen und haben beide die Reise genossen. Judith ist in ihren gesunden Phasen eine intelligente Gesprächspartnerin, ein sehr warmherziger Mensch, der Freundschaften pflegen kann und gerne liest und filmbegeistert ist. Sie versucht sich selbst an kleinen Videofilmen auf ihrem Rechner und hat auch schon Erfolge damit gehabt. Sie layoutet hinreißende Geburtstagskarten oder Poster. Sie sit überhaupt sehr kreativ. In diesen Phasen nimmt sie regelmäßig ihre Tabletten und das scheint ihr zu helfen, ein “normales” Leben zu führen. Diese Tabletten haben Nebenwirkungen: Das Schlimmste für Judith und andere junge Menschen ist die Tatsache, dass diese Tabletten dick machen. Nicht bei jedem, aber bei vielen wirkt sich das so aus. Es gibt wenig Ärzte, die sich Gedanken darum machen, wie das für einen jungen Menschen sein muss. Erst mal muss die aktive psychotische Phase beendet werden. Aber viele junge Menschen hören auf, Tabletten zu nehmen, weil für sie diese Nebenwirkungen so schlimm sind.
Ich glaube, dass auch Judith im Winter nach unserer Reise aufgehört hat, ihre Tabletten zu nehmen. Sie hat plötzlich sehr schnell abgenommen, hatte kaum Hunger, begann, sich gesund zu ernähren, interessierte sich für die Zubereitung von Gemüse und trank Wasser statt Cola. Und ich habe sie sogar noch gelobt und mich über ihr hübsches Aussehen gefreut. War das falsch? Hätte ich nachbohren sollen, ob sie ihre Tabletten nimmt? Aber sie sagt mir das auch nicht. Ich verstehe das, denn es ist mit viel Scham besetzt, wenn sie erkennen muss, dass sie es wieder nicht geschafft hat, die Tabletten kontinuierlich zu nehmen oder ohne Tabletten gesund zu bleiben.
Sie ist dreissig, da muss sie auch Entscheidungen für ihr eigenes Leben treffen können. Aber das zu akzeptieren als Mutter ist furchtbar. Ich habe wieder Schwierigkeiten, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren, weil ich immer daran denken muss, wie es ihr jetzt wohl geht. Und immer kriecht wieder so ein Gefühl von Angst in meinen Magen. Was ist mit ihr? Sollte ich vorbeifahren? Als ich neben dem Telefon stand, bohrte sich wieder der Schmerz wie mit einem Messer in meinen Hals. Psychosomatisch, sagt der Arzt. Sie haben nichts, ihre Halswirbelsäule zeigt alterstypische Abnutzungen, die aber kein Grund für starke Schmerzen sein können. Diesen Arztblick kenne ich. Hysterische alte Frauen. “Nehmen Sie nicht so viele Schmerztabletten, das ist doch nicht gut für ihre Gesundheit.”, bekomme ich noch als fachmännischen Rat mit auf den Weg.
Ach? Tatsächlich? Gut, dass ich das jetzt weiß. Das ändert alles. Aber ist es gut für meine Gesundheit, dreizehn Jahre lang Angehörige einer psychisch kranken Tochter zu sein? Und seit zwei Jahren auch Mutter eines psychisch kranken erwachsenen Sohnes? Und überhaupt auf die Welt gekommen zu sein als Tochter einer psychisch kranken Mutter, die sich umgebracht hat? Und Enkelin einer Großmutter, die ebenfalls auf diese Weise ihr Leben beendet hat? Ist das gesund? Ist da eine geballte Ladung Ibuprofen wirklich das Problem?
Welche Medizin gibt es dagegen, sich täglich Sorgen zu machen, täglich Schuldgefühle zu haben, weil man nicht genug tut oder vielleicht das Falsche tut oder weil man sich von seiner kranken Tochter nicht lösen kann, sondern co-abhängig ist? Oder weil man manchmal so wütend ist auf die Tochter, das Leben oder auf das Schicksal? Und dann wieder Schuldgefühle zu haben, weil man schließlich nicht selbst leidet, sondern die Tochter krank ist und es einem selbst gut geht?
Gestern war ich im Cabaret mit einer Freundin. Die meiste Zeit hatte ich ein extrem schlechtes Gewissen, weil ich mich amüsiere, während es doch Judith schlecht geht. Ich lache, während sie in ihrer total vermüllten Wohnung sitzt und sich aus alten Papierpackungen von Van Nelle Tabak die letzten Krümel zusammen sucht, um noch eine Zigarette zu haben. Ich gebe für die Cabaretkarte 25 Euro aus und für das Essen dort noch einmal 30 Euro - hätte ich die nicht lieber ihr geben sollen?
Ich würde mich freuen, wenn wir uns austauschen könnten. Ich werde jetzt öfter schreiben und meine guten und schlechten Erfahrungen mitteilen. UNd auf interessante Bücher hinweisen.
Hallo Angehörige,
ich schreibe auch einiges auf, aber das hilft mir nicht. Ich würde gerne einen Austausch finden, wo man bei einer aktuellen Situation dies in ein Forum setzt und andere Betroffene dazu antworten, sozusagen eine gegenseitige Unterstützung. Und in einem Buch wäre es interessant wie ähnliche Situationen bei verschiedenen Angehörigen ablaufen.
Liebe Grüße
Pepperona
Hallo,
bin durch Zufall auf diese Seite gestoßen, weil ich immer wieder versuche, zum Beispiel ein Forum zu finden, wo Angehörige von schwer psychisch Kranken sich miteinander austauschen. Die Texte hier hätten auch von mir sein können, bin Mutter einer Tochter, die auch bald 30 wird und in einem Wohnheim wohnt, weil alle anderen Wohnformen nicht mehr gehen.
Alle Angehörigen haben sich zurück gezogen, auch der Erzeuger.
Die anderen sind der Meinung, die Mutter ist zuständig.
Das mit der Distanz klappt manchmal ganz gut und manchmal gar nicht, da es ja nicht irgendwer sondern die eigene Tochter ist, in meinem Fall das einzige Kind.
Wie bei allen Schizophrenen ist das gleichgeschlechtliche Elternteil eine zentrale Figur. Ich bin in einer Person die beste Mutter der Welt, kümmere mich gar nicht, bin blöde Kuh und Teufelsaustreiberin, soll immer sofort kommen und mich um alles kümmern.
Ein Buch darüber schreiben? Wer würde das lesen, aber es sich von der Seele schreiben wäre vielleicht ein Ansatz.
Würde mich über Rückmeldungen, Austausch oder den Hinweis auf ein Forum freuen.
Nette Grüße
Pepperona
Sie sprechen mir aus dem Herzen. Es geht bei uns genau so. haben heute mal in der Klinik angerufen und vom Telefonterror gesprochen. Man hat immer den Eindruck,nicht für voll genommen zu werden.
liebe unbekannte mutter, es ist in vielen stellen ein spiegel, wenn ich ihren bericht lese. auch meine tochter ist seit nunmehr 6 jahren bipolar erkrankt. auch ich leide sehr unter dem ständigen wechsel der symptome, am schlimmsten waren die akuten phasen mit völliger ablehnung der familie. aber vor allem ist da diese ohnmacht, so wenig helfen zu können. ich wäre lieber selbst krank und empfinde es als das schlimmste, wenn ein kind krank ist, noch dazu chronisch. die hoffnung auf besserung ist zwar immer da… wenn ich gesunde junge menschen beobachte, dann überfällt mich eine tiefe traurigkeit, sind doch die aktivitäten sehr begrenzt. meine tochter ist bisher sehr vernünftig, sie hatte immer sehr gute therapeuten und die weichen sind gestellt in sachen”psychohygiene”, regelmäßiger medikamenteneinnahme. auch ich sehe einen erheblichen risikofaktor bei der medikamenteneinahme in der extremen gewichtszunahme. aber ich verstehe auch die ärzte, denn was ist schlimmer: gewichtsproblenme oder akute phase? es ist für uns so eine gradwanderung zwischen loslassen und lebenslanger fürsorge. ich möchte immer da sein, wenn meine tochter mich braucht, das kostet kraft, aber anders könnte ich nicht leben. ich bin sehr froh, dass sie die medikamente nimmt. und kein schlechtes gewissen haben, wenn wir uns was gutes tun, denn wir brauchen das um kraft zu tanken! sehr hilfreich ist für mich auch der austausch mit anderen betroffenen eltern. und wir haben dieses eine leben , kein anderes-also das schicksal versuchen anzunehmen- das ist unsre aufgabe in dieser welt..