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Judith musste wieder ins Krankenhaus. Ich bin froh darüber, weil ich weiß, dass es nicht anders ging. Ich bin traurig, weil es ihr so schlecht geht. Seit Monaten schon ging es ihr schlecht, es war schlimm für sie und unerträglich für mich. Zum ersten Mal seit Jahren hat sie den Kontakt zu mir weitgehend abgebrochen. Bei den wenigen Malen, bei denen sie mich anrief, habe ich oft aufgelegt, weil sie mich unerträglich beschimpfte und anbrüllte. Oder weil sie mit den unflätigsten Begriffen andere Menschen, vor allem ihren Betreuer beschimpfte. Ich weiß, dass es ihre Krankheit ist, trotzdem ist es ganz schwierig, damit umzugehen. Es ist schlimm, wenn die eigene Tochter mich anschreit „Verpiss Dich“ oder wütend schreit, dass sie gerne eine Mutter gehabt hätte, die sie einmal im Leben unterstützt. Seit vielen Jahren tue ich nichts anderes, mein Leben dreht sich um Judith. Mein Handy war die ersten Jahre 24 Stunden am Tag angeschaltet, weil sie ja anrufen könnte. Ich nahm nachts um drei das Telefon ab, weil sie mich anrief, nur um mir zu sagen, dass sie mal meine Stimme hören wolle. Ich unterbrach jede Tätigkeit, beendete Gespräche mit Klienten oder das Schreiben, weil sie mich tränenerstickt anrief und mir mitteilen musste, was sie bedrückt. Weiterlesen »

Das Telefon klingelt um 8:30. Ich gehe nicht dran, weil ich weiss, wer es ist. Ich möchte vor 10:00 nicht gestört werden, diese Zeit am Morgen brauche ich für mich. Zum Lesen, zum in den Tag hineingleiten, zum Schreiben. Das wissen alle Freunde und Klienten. Wenn das Telefon um diese Zeit klingelt, weiss ich, dass es meine Tochter ist. Mein Herz fängt an zu klopfen, ich laufe zum Telefon und warte darauf, was sie auf den Anrufbeantworter spricht. Sie spricht nicht, sie schreit. Sie beschwert sich darüber, dass sie kein Geld hat, nichts zu Essen hat und vor allem nichts zu Rauchen hat. Sie beschimpft ihre Betreuerin, die ihr da Geld einteilen muss, weil diese nicht zu erreichen ist, sich verleugnen lässt, einfach unverschämt ist. Ihre Stimme wird immer lauter. Ob ich dort nicht anrufen könne. Es sei doch einfach nicht zuzumuten, dass eine 30Jährige kein Geld für Essen und Rauchen habe und die Betreuerin nicht mal die Höflichkeit habe, ihr zu sagen, wann sie ihr Geld bekommen kann. 170 € für einen ganzen Monat, das sei zu wenig. Diese Person sei einfach inkompetent und schlecht.Mein Herz klopft immer stärker, mein Magen krampft sich zusammen. Ich hebe nicht ab und höre zu, wie meine Tochter immer mehr schreit. Schließlich hängt sie ein. Ich sitze neben dem Telefon und merke, wie langsam in mir die Angst hoch steigt. Soll ich etwas tun? Soll ich doch anrufen? Was ist, wenn sie etwas Unvernüftiges tut? Ich weiß, dass sie wirklich kein Geld hat. Aber ich weiß auch, dass sie etwas zu essen hat, weil ich ihr erst gestern Abend drei große Tüten mit Essen zu ihrer Wohnung gebracht habe. Und ich weiß auch, dass sie diesen Monat schon € 400 erhalten hat. Aber ich weiß auch, dass sie wirklich kein Geld hat und verzweifelt ist, weil sie nichts mehr zu rauchen Weiterlesen »